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Der 60. ESC will Brücken bauen – “Building Bridges”

Der 60. ESC will Brücken bauen – “Building Bridges” © Wikipedia

An ihrem Geburtstag eröffnete “unsere” Lena Meyer-Landrut und Siegerin des ESC 2010, bei trockenem Wetter den diesjährigen ESC-Warm-Up in Hamburg auf der Reeperbahn mit ihrer aktuellen Single “Traffic light” unter der Moderation von Barbara Schöneberger. Ganz aufgeregt und in einem Bühnenoutfit, das kaum in Worte zu fassen ist, verkündete sie, dass “die kleine Babsi … die Punkte verlesen wird und die Freude auf diesen Moment, steckte einfach an”. Im Vorfeld traten Künstler wie Revolverheld, Sarah Connor und Mark Forster in Hamburg auf, um die Wartezeit auf den eigentlichen Höhepunkt zu verkürzen. Doch was ist, wenn man vergeblich auf den Höhepunkt des Abends wartet?

60 Jahre ESC – “Building Bridges” und einige Neuerungen

48 Jahre nach dem Sieg von Udo Jürgens beim damals noch so genannten Grand Prix d´Eurovision de la Chanson fand der ESC mal wieder in Österreich statt. 27 Länder nahmen am Samstag den, 23.05.2015 in Wien teil und anlässlich des 60. ESC-Jubiläums war Australien als Gastland mit einer Wild-Card ebenfalls am Start und sprengte somit den europäischen Rahmen. Motto des diesjährigen Song Contests war “Building Bridges”der österreichische Aufruf zu mehr Toleranz und Verständnis über alle Landesgrenzen hinweg. Und wer sollte diesen Leitfaden besser präsentieren als Conchita Wurst? Die Gewinnerin des letzten ESC in Kopenhagen kam wie Phönix aus der Asche auf die gigantische Bühne geflogen und eröffnete die Show. Mit ihr als kontroverse Leitfigur des Song Contests wurde dieser nicht nur zum ökologisch wertvollsten, sondern auch zum barrierefreiesten ESC aller Zeiten.

Simultanübersetzer sorgten dafür, dass Gehörlose erstmals die Songtexte in Gebärdensprache präsentiert bekamen, und mit der Polin Monika Kuszynska trat auch eine behinderte Teilnehmerin im Rollstuhl in Wien auf. Moderatorinnen des Abends waren die Talkqueens aus den 90ern: Arabella Kiesbauer, Mirjam Weichselbraun und Arte-Frontfrau Alice Turner. Singend und gut gelaunt betraten sie die Bühne der teuersten ORF-Show überhaupt. Die Eröffnung war ein musikalischer Brückenbau. Die Wiener Sängerknaben im Hintergrund plus Rapper schlugen die Brücke zwischen klassischer und moderner Musik. So verschieden wie die Interpreten so auch die Vertreter der einzelnen Länder, die in diesem Zuge begrüßt wurden. Brücken bauen zwischen Ländern, Kulturen, und Musikrichtungen. Fans aus aller Welt haben Filme eingestellt, in denen Brücken gebaut wurden. Ein wunderschöner Film ist so entstanden. Emotional wie berührend. So einfach kann Völkerverständigung sein! Zum ersten Mal wurde der ESC auch in China übertragen.

Vieles war schon mal da, und wo ist der Schlager?

Der Abend als solcher konnte sich trotz Mega-Bühnenshow nicht in die legendären ESC-Veranstaltungen der vergangenen Jahre einreihen. Es fehlten die Überraschungen, Songs, die noch nie gehört wurden. Die Vielfalt der Sprachen und der Kostüme. Nicht jede Sängerin, die ein rotes Kleid trägt, erinnert an die “Lady in Red”. Etliche Songs verwiesen an andere berühmte Bands und Sänger, und dem stabilen Stromnetz war es zu verdanken, dass die beeindruckenden visuellen Effekte von der Musik ablenkten. Es war insgesamt nicht schlecht, aber eben auch nicht spektakulär. Vielleicht ahnte Andreas Kümmert das schon, als er freiwillig nach seinem Sieg im ESC-Vorentscheid zurücktrat, um Ann-Sophie, der damals Zweitplatzierten, den Vorrang zu lassen.

Die erste Teilnehmerin war Maraaya für Slowenien mit dem Song “Here for you”. Ihr Markenzeichen sind große Kopfhörer, die sie auch bei ihrem Auftritt trug. Leider wußte man nicht, ob es nur ein modisches Accessoire war, oder ob sie sich vor den Liedern der anderen Teilnehmern schützen wollte. Ihr Song jedoch machte Freude. Der erst sechzehnjährige Israeli Nadav Guedji brachte Stimmung mit seinem temporeichen Hip-Hop-Song “Golden Boy” in der Wiener Stadthalle. Der Frontmann und seine fünf Jungs heizten mit guter Choreographie zum ersten Mal den Besuchern ein und erlangten viel rhythmischen Beifall.Ein cooles Bühnenbild sorgte bei dem Duett aus Estland für Furore. Die beiden Sänger Elina Born und Stig Rästa wirkten als surften sie auf der Popperwelle der 80er. Eine lässige Countrynummer mit jazzigen Bläser-Elementen und ein Auftritt der sich sehen lassen konnte. “Still in loving you” von Electric Velvet erinnerte an die Revueshows im Lido. Ein bisschen Klamauk, ein bisschen Varieté, und einen Swing aus den Zwanzigern angedeutnd. Viel Pink, Pomp und Pop im amüsanten Style wirkte aber wenig originell. Litauen kam rüber wie ein Kindergeburtstag, wobei das Intro an George Ezra erinnerte, und zudem die beiden Sänger gaben sich als verliebtes Paar außer Rand und Band.

Die Schweden wurden zu “Heroes” dank Mans Zelmerlöw

Schweden galt neben Russland als der Favorit. “Heroes” von Mans Zelmerlöw war akkustisch ein Highlight. Mit coolen Viedeoeffekten und visuellen Tricks präsentierte der sympathische Sänger seinen Song in guten Discosound und nahm das Publikum für sich ein. Die Ballade aus Zypern zeugte ein wenig von den guten rührseligen Momenten des Schlagers. Der Sänger Giannas Karagiannis mit der Optik eines Elvis Castello brachte ein Lichtermeer zum Leuchten. Australien wurde präsentiert von Guy Sebastian, einem großen Star aus Down Under. “Tonight again” war ein guter, schmissiger Song, und man merkte dem Sänger seinen Spass an. Alle Zuschauer und Teilnehmer tanzten mit den sympathischen Australiern.

“Black Smoke” für Ann Sophie

Unsere Ann Sophie legte einen perfekten Auftritt hin. Vom knallengen Catsuit bis hin zu ihrer Perfomance stimmte einfach alles. Jeder Ton saß. Doch trotz der Glückwünsche von Andreas, die er seiner Nachfolgerin per Mail zukommen ließ, mochte sich die wahre Euphorie nicht einstellen. Ein cooler Song, aber nicht die beste Wahl für den Song Contest, wie es scheint. Denn die anderen Teilnehmer überzeugten mehr. Polen trat mit dem Song “In the name of love” an. Ein Hauch “Notting Hill” kam auf, nur dass Hugh Grant fehlte. Lettland mit Aminata Savadogo überraschte hingegen. “Love injected” war von ein starker Auftritt der Lady in Red. Ein Touch von Orient, Elektrosound, Dubstep-Elementen und eine Stimme, die einen für sich einnahm. Leider dem ESC einen Schritt zu weit voraus. Die 28jährige Paulina sang für Russland “A million voices” mit der Startnummer 25. Mit einer starken Stimme und Tränchen in den Augen riss die zarte Frau die Fans aus allen Landen mit. Und zuletzt natürlich die drei Italiener. Mit Dramatik und gewaltigen Stimmen sangen die Gewinner des San-Remo-Festival “Il volo Grando amore”, als hätten sie die WM gewonnen.

“Null Punkte sind halt null Punkte”

Als die Punktevergabe der einzelnen Länder begann, hatte man bis zur Halbzeit den Eindruck, als habe eine unsichtbare Macht die Fäden in der Hand, frei nach der Devise: nach der Olympiade und der WM soll auch der ESC nach Russland gehen. Denn ohne das Lied der Russin Paulina schmälern zu wollen, war es schon auffällig zu sehen, dass selbst die Länder, die sonst nur ihren Nachbarländern die Treue halten, ihre gesamten Punkte an Russland vergaben. Gewonnen hat jedoch am Ende der Schwede Mans Zelmerlöw. Ein runder Auftritt im dritten ESC-Anlauf des jungen Schweden, der den Contest zum sechsten Mal nach Schweden holt. Und ein wahrhaftig verdienter Sieg. Unsere Ann-Sophie ging leider mit null Punkten nach Hause. Das war bitter für die junge, ehrgeizige Musikerin, die sich soviel vorgenommen hatte. Wie ihre Zukunft aussieht? “Ich werde weiter machen”, sagte die 24jährige nach dem Finale. Natürlich ist sie sehr enttäuscht von diesem Ergebnis. “Null Punkte sind halt null Punkte”, sagte sie. Dennoch habe sie sich durch den ESC eine große Fan-Basis aufbauen können, was für sie als Künstlerin eine große Chance sei. Respekt, wenn man so mit Niederlagen umgeht! Also, kein Grund den Kopf hängen zu lassen. Der schwedische Sänger hat es auch erst im dritten Anlauf geschafft. Und nach dem ESC ist bekanntlich vor dem ESC!

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