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Howard Carpendale: “Deutschland hat mein Leben verändert!”

Howard Carpendale: “Deutschland hat mein Leben verändert!” © Christine Kröning

Viel Werbung braucht er nicht für seinen neuesten Coup, denn was immer Howard Carpendale auch anfasst, verkauft sich bestens. Das hat sich auch nach 50 Jahren im Musikgeschäft nicht geändert. Im Jahr seines Bühnenjubiläums will er mit „Der Show meines Lebens“ Fans und Freunden etwas zurückgeben: Er spielt vom 27. bis 31.12.2018 in der Berliner Verti Music Hall eine exklusive fünftägige Konzertreihe – seine erste eigene En-Suite-Produktion. Die neue Halle, die bis zu 4.500 Personen Platz bietet, sei nahezu perfekt, so Carpendale, der mit der eher kleineren Location ganz bewusst die Nähe zum Publikum sucht und die jene besondere Atmosphäre entstehen lässt, die nur kennt, wer den Entertainer schon einmal live erlebt hat.

 

Wir trafen Howard Carpendale inmitten seiner Showvorbereitungen in Berlin. Das Programm steht. Carpendale ist Perfektionist; er will nicht weniger als das Beste seines Repertoires auf die Bühne bringen. Er hat dabei die nicht ganz einfache Aufgabe, 50 Jahre Musikkarriere in einem Abend zu bündeln. Eine besondere Rolle, das verriet er im Vorfeld, wird dabei die ZDF-Hitparade spielen, eine Zeit, die den Schlager groß gemacht hat in Deutschland. Doch Carpendale ist kein Vergangenheitsmensch. Er idealisiert die guten alten Zeiten nicht. Wie er heute auf die Branche schaut, warum ihn dabei durchaus auch Pessimismus umtreibt und was in seinen Augen einen erfolgreichen Künstler ausmacht, das hat er uns im Exklusiv-Interview erzählt.

Schlager.de: Sie haben vor vielen Jahren ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Von oben sieht alles anders aus“. Wenn Sie jetzt, in diesem Moment, auf Ihre bevorstehende Konzertreihe in Berlin, auf den Künstler und den Menschen Carpendale schauen – wen oder was sehen Sie?

Howard Carpendale: Einen Menschen, der unendlich viel Glück gehabt hat, dass er ein solches Leben führen darf, wie ich es tue. Ich erinnere mich genau an die Sekunde, als mir ein Manager in London gesagt hat, dass jemand meine damalige Band und mich in Deutschland für einen Monat engagieren will. Das war in den 60-er Jahren. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, was das für mich bedeuten würde, aber diese eine Sekunde hat mein Leben verändert. Deutschland hat mein Leben verändert und die Menschen hier. Auch wenn ich immer noch keinen Schnee mag (lacht). Ich bin sehr nett und mit offenen Armen aufgenommen worden. Ich habe das Gefühl – und ich hoffe, ich irre mich nicht – dass man mich hier in Deutschland ganz gerne hat.

Schlager.de: Ich glaube, Herr Carpendale, Sie irren sich nicht …

Howard Carpendale: Klar gibt es Leute, die sagen: „Ich mag seine Musik nicht, aber der Typ ist ok.“ (lacht). Mich freut das sehr. Wenn ich überlege, wo ich am liebsten leben würde, dann ist das Deutschland. Es gibt nicht mehr viele Länder in der Welt, wo man sich relativ frei und ohne Probleme bewegen kann. Natürlich haben wir hier auch Probleme. Die sind aber mit denen anderer Staaten nicht vergleichbar. Ich habe einfach sehr viel Glück gehabt. Ich durfte als Kind in Südafrika leben und darf jetzt hier mein Leben verbringen.

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Schlager.de: Sind Sie jemand, der Bilanz zieht und sein Leben und seine Karriere resümiert? Und wenn ja, tun Sie das mit der Showreihe in Berlin?

Howard Carpendale: Nein, die Vergangenheit ist vorbei. Ich habe sicherlich Erfahrungen gemacht, die durch mein Blut fließen, aber ich mag es nicht, wenn Freunde zusammen sitzen und über die guten alten Zeiten reden. Das ist überhaupt nicht mein Ding.

Schlager.de: Sie sprechen die guten alten Zeiten an. Gibt es etwas aus der Hitparaden-Zeit, das Sie vermissen und das unwiederbringlich verloren gegangen ist – für Sie als Künstler und die Branche?

Howard Carpendale: Die Branche ist eine ganz andere geworden. Sie steht heute auf ihren letzten Beinen, was die Musik in Form von Schallplatten und CD’s betrifft. Das ist vorbei. Und es ist wahrscheinlich nicht wieder zurückzubringen. Die ZDF-Hitparade war die goldene Zeit. Wenn ich meine Plattenfirma damals anrief und fragte, wie meine Platte läuft, dann sagten die: „Du hast heute 35.000 Stück verkauft.“ Das ist unfassbar. Wenn man heute 100 CD’s verkauft, ist man glücklich. Ich brauche darüber aber nicht traurig zu sein, denn ich habe diese Zeiten erlebt. Was ich aber absolut unmöglich finde, ist, dass ein Mensch, der ein Lied kreiert, der einen Text schreibt, heute nichts mehr verdient. Dieser Beruf stirbt.

Schlager.de: Sind Sie tatsächlich so pessimistisch, dass Sie sagen, der Beruf stirbt?

Howard Carpendale: Was ist daran pessimistisch? Der Beruf ist schon gestorben. Das ist Realismus. Schauen Sie sich die Zahlen an: Man kann heute mit 3.000 verkauften Platten Nummer eins sein. Wir werden nie wieder viele solcher Hits haben, wo das ganze Volk, ganz Deutschland, mitsingt. Die werden sehr viel seltener sein. Live-Acts allerdings sind besser denn je. Das muss man klar differenzieren. Sie erleben eine Hochphase im Moment.

Schlager.de: Kommen wir noch einmal zurück auf Ihre Konzerte zum Jahreswechsel. An welchen Stellen Ihrer Karriere sind Sie in der Rückschau hängen geblieben, als Sie das Programm vorbereitet haben?

Howard Carpendale: Na ja, ich bin jemand, der die Show immer und immer wieder im Kopf durchgeht. Und zwar mit den Reaktionen des Publikums. So merke ich, wenn der rote Faden fehlt. Da muss ich dann wieder ansetzen. Und was immer problematisch ist, das ist die letzte halbe Stunde vor dem Ende. Die Leute stehen auf …

Schlager.de: Aber Ihr Publikum steht doch schon viel früher …

Howard Carpendale: Ja, das stimmt. Sie haben Recht. Aber es gibt schon ein Ankündigen, ein „Jetzt geht’s los!“ Die Leute wollen die Hits hören, laufen nach vorne und stehen an der Bühne. Dieser Teil der Show fällt mir immer schwer, weil ein Konzertende dem anderen gleicht. Ich möchte gern davon träumen, dass wir mal einen ganz anderen Schluss machen. Aber klar, die Leute wollen mitsingen, sie wollen feiern. Für mich ist das dennoch der schwierigste Teil.

Schlager.de: In Ihrem Buch „Das ist meine Zeit“ aus dem Jahr 2016 zitieren Sie Thomas Anders, der über Sie sagt, Sie seien allen anderen Branchenkollegen immer fünf Sekunden voraus. Was hat Ihnen diesen Vorsprung verschafft?

Howard Carpendale: Also, mich hat das sehr gefreut, was Thomas Anders da über mich sagt. Was hat mir den Vorsprung verschafft? Die Tatsache, dass ich Angelsachse bin. Ich komme aus einen Land, wo man Musik anders sieht als hier. Man geht viel mehr ins Detail. Und was mich sehr oft wundert, ist, wie viele Künstler versuchen, ihren Beruf von außen zu verstehen. Sie fragen sich beispielsweise, wie man am besten das Mikrofon in der Hand hält. Das spielt doch alles keine Rolle. Eine Rolle spielen die Wahrheit, die Glaubwürdigkeit. Auch die Macken des Künstlers, seine Eigenheiten. Das sind die Dinge, die groß machen. Wenn ich an diese Castingshows im Fernsehen denke, dann muss ich mit Schrecken feststellen, dass, wenn Udo Lindenberg, Grönemeyer oder ich bei „The Voice of Germany“ auftreten würden, dann würde man wahrscheinlich zu uns sagen: „Ach nö, das passt jetzt nicht so.“ Das ist ein Wahnsinn! Die Leute verstehen nicht, dass ein Künstler nicht erfolgreich ist, weil er eine tolle Stimme hat, sondern weil das Gesamtpaket stimmen muss. Ich glaube, das hat man in Deutschland vor vielen Jahren nicht so ganz verstanden. Ein Künstler muss mehr können, als nur ein Lied gut zu interpretieren. Es gehört viel, viel mehr dazu, um erfolgreich zu sein.

Sina WormAutor:
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