Suche

“Alle singen Kaiser”: Die neue Lust auf guten Schlager

“Alle singen Kaiser”: Die neue Lust auf guten Schlager © ARD/JürgensTV/Dominik Beckmann/Montage Frey

Mit ungewöhnlich scharfer Kritik ist die Silbereisen-Show “Alle singen Kaiser” in den letzten Tagen begleitet worden. Dabei ging es in den Kommentaren nicht darum, sich an dem vergeigten Abend genüsslich abzuarbeiten und mit Häme nachzutreten. Im Gegenteil! Viele Journalisten und Fans liefern gut beobachtete Zustandsbeschreibungen für den deutschen Schlager. Und so wirkt noch nach, was geschrieben wurde, denn die wuchtige Kritik ist vor allem eins: berechtigt.

 

Roland Kaiser steht seit 45 Jahren auf der Bühne. Angesichts seiner erfolgreichen Karriere darf man ihn ohne Übertreibung als Ausnahmekünstler bezeichnen. Kaiser ist eines der Zugpferde der Branche. Verkaufsstark, stilsicher, kreativ. Da es offenbar nicht gelingt, eine mitreißende Show für einen der Protagonisten der Branche auf die Beine zu stellen, muss man ganz grundsätzlich nach dem Verständnis der Fernsehmacher für das Genre fragen. Wenn die Künstler des Abends aus Bällebädern springen, in Weinfässern über die Bühne kugeln, wenn alles in einer knallbunten Kulisse versinkt, wenn erwachsene Menschen sich aufblasbare Kaiserkronen aufsetzen und mit Luftstangen applaudieren, dann wähnt man sich in einer Zirkusvorstellung für Kleinkinder, aber nicht in gelungener Abendunterhaltung.

Der deutsche Schlager ist in den Shows mit Florian Silbereisen zu einer einzigen großen Spaßveranstaltung degeneriert, bei der alle so tun, als hätten sie Stimmungsaufheller genommen, die ihnen ein Dauergrinsen ins Gesicht meißeln. Dieses verordnete Jubeln ist mittlerweile unerträglich geworden. Silbereisen wird nicht müde, in seinen Shows immer wieder die neue Lust auf Schlager auszurufen. Dass das Genre im Aufwind ist und nicht um seine Daseinsberechtigung kämpfen muss, das bezweifelt niemand mehr. Aber ist der Schlager glaubhaft, wenn er nur noch verlacht wird? Natürlich nicht! Man muss sich dann nicht wundern, wenn die ewig gleichen Vorurteile überleben und man als Fan mit beschränkter Geisteshaltung abgestempelt wird. Was dem Schlager im Moment fehlt, sind Ernsthaftigkeit und Tiefe. Er ist seit jeher der Lebensbegleiter vieler Menschen, die mit ihm ihren Alltag verträumen und in der Musik gerade auch in schwierigen Lebensphasen Halt finden. Melodramatik, Schmerz und Verlust in den Texten und Kompositionen gehören genauso dazu wie krachender Partyschlager und tolle Liebeslieder.

Der deutsche Schlager ist derzeit mit vielen sehr guten und vielseitigen Künstlern aufgestellt. Sie brauchen keine dämlichen Inszenierungen, die ihnen den Charakter nehmen. Tun wir uns alle den Gefallen und machen aus dem deutschen Schlager nicht länger eine Lachnummer!

Sina WormAutor:
Schlager.de auf Instagram