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Andreas Gabalier bleibt Volks-Rock’n’Roller: Top-Album „Vergiss mein nicht“

Andreas Gabalier bleibt Volks-Rock’n’Roller: Top-Album „Vergiss mein nicht“ © Irene Lustenberger

Vollmundig verspricht die Plattenfirma, dass Andreas Gabalier der „Achttausender unter den Sängern“ sei. Das wirkt einerseits fast größenwahnsinnig – andrerseits ist Gabalier der klar erfolgreichste deutschsprachige Sänger der Jetztzeit und füllt inzwischen problemlos Stadien – und das mit einem ganz eigenen von ihm geprägten Stilmix, den er selbst „Volks-Rock’n’Roll“ genannt hat und damit schlicht einen Nerv getroffen hat.

 

Zeitgeist der 1990er Jahre

Mit der vorab erschienenen Single „Verdammt lang her“ zeigt Andreas gleich, wohin die Reise geht – es bleibt rockig, das Intro von Song 1 erinnert klar an den legendären Song „Summer Of 69“. Er beschreibt seine tolle Bergbauernbuam-Jugend und den unbeschwerten Zeitgeist der 1990er Jahre, der auch in anderen Songs des Albums eine Rolle spielen wird.

Die „Lipstick Lady“ hat es Andreas angetan. Erneut rockig und mit traditionellen Instrumenten produziert, hat auch der Anmach-Song „Hallihallo“ großes Hit-Potenzial – vergleichbar mit seinem Hit „Dirndl Lieben“.

„In einem christlichen Land hängt ein Kreuz an der Wand“

Traditionsbewusst gibt sich der Volks-Rock’n’Roller auch in „Kleine steile heile Welt“. In dem Song bekennt er sich zum „Schnitzel aus der Pfann’“ und – darauf muss man erst mal kommen zum Leben „wie es früher in der Milka-Tender-Werbung war“, womit wir erneut in den 1990er Jahren angekommen wären. Leicht politisch wird Andi an der Stelle auch – mit der Zeile „I glaub an mei’ Land“ – oder „in einem christlichen Land hängt ein Kreuz an der Wand“.

Gänsehaut-Ballade „Ewig“

Dass Gabalier auch Balladen schreiben und interpretieren kann, beweist er einmal mehr mit der einfühlsamen Ballade „Ewig“, in der er bekennt, das er „für alle Zeiten dein“ sein will – und „musst du einmal gehen für immer, will ich nimmer länger sein“ – die Definition von „ewig“ heißt nämlich „unendlich“. Ein Gänsehaut-Song mit allem, was eine große Ballade ausmacht – die Modulation in eine andere Tonart, ein perfektes Arrangement, eine mit „echten“ Instrumenten aufgenommene Produktion – Hut ab! Interviews zufolge hatte der Volks-Rock’n’Roller beim Schreiben des Stücks keine bestimmte Person im Auge.

Rammstein goes Volks-Rock’n’Roll

Der Titelsong „Vergiss mein nicht“ ist überraschend „hart“, er erinnert fast etwas an Rammstein-Sound. Unheilig und Rammstein lassen vom düsteren Sound grüßen, und dennoch bleibt sich Volks-Rock’n’Roller Gabalier treu.

„All I wanna do – is lay in your loving armstonight“ – nein, keine Angst, Andreas singt nicht plötzlich auf Englisch – lediglich der Refrain dieser leicht Country-mäßig gehaltenen Ballade inklusive Streichern und akustischen Gitarren ist in englischer Sprache gehalten.

Volkstümlicher Kaiserjodler

Manchmal kommt aus Andreas Gabalier wirklich der Volks-Rock’n’Roller durch. DerKaiserjodler ist wieder ein sehr typisches Beispiel für seine gelungene Mischung aus traditionellen Akkordeonklängen und modernen E-Gitarren. Einmal mehr hat er einen schönen eingängigen hitverdächtigen Song im steirischen Dialekt ersonnen – Akkordeonsolo inklusive.

Dass es im Leben nicht immer rund läuft, davon erzählt Andreas in seinem augenzwinkernden witzigen Song „Das giiiibts jo net“– und beklagt ganz im Stile der Ersten Allgemeinen Verunsicherung darin, das das Leben „so gemein sein“, wenn das in der Grundschule angebetete Mädchen nicht anbeißt, obwohl: „i hab ihr glernt, wie ma Hubbabubba richtig kaut“ – Undank ist der Welten Lohn!

Auch ein Thema: Verbotene Liebe

Mit dem „Sommerregen“ präsentiert „Andi“ mal wieder eine gefühlvolle Ballade in Mundart, in der er von der Sehnsucht nach der geliebten Frau erzählt, derentwegen er sogar in der Nacht weint. Der Grund ist offensichtlich „verbotene Liebe – dann musst du bald wieder fahren“. Einmal mehr bilden akustische Gitarren, eine Orgel und mehrstimmiger Gesang die Grundlage für den typischen Gabalier-Sound, der bei diesem Song etwas an die Balladen der Spider Murphy Gang erinnert.

Ein Cover ist auch auf dem neuen Gabalier-Album enthalten. Das berühmte Lummerlandlied „Eine Insel mit zwei Bergen“ hat Andreas auf seine Art und Weise arrangiert und dabei leider die Original-Melodik und –Harmonik verändert, wodurch das Lied vollends seinen Charakter verloren hat – der einzige echte „Ausfall“ des Albums.

Verarbeitung des privat Erlebten: Thema TodDie Frage, wie es  wohl „hinterm Horizont“ aussehen mag, ist zwar schon mal von Udo Lindenberg aufgerufen worden, Gabalier hat dieser Überlegung aber einen eigenen Impuls gegeben, indem er ein schlageruntypisches Thema aufgreift: den Tod. Gabalier macht sich in dem tiefsinnigen Lied Gedanken über ein Leben nach dem Tod und spricht sich dagegen aus, zu „denken, dass danach nichts wär“. Wie schon in seinem Klassiker „Amoi seg‘ ma uns wieder“ wird Andreas mit diesem Song seinen Fans Trost und Zuversicht spenden.

Das Dutzend voll macht „das Pinkerl“, ein klassisches Wienerlied, der im Stile der Schrammelmusik zum Thema macht, dass eben jeder sein Päckchen – äh, „Pinkerl“ – zu tragen hat. Oder um es mit einem alten Schlager zu sagen: „Einer ist immer der Loser“ – eine weitere tolle Facette Andreas Gabaliers, mit der er die (eigentlich nicht wirklich zutreffende) Schublade „volkstümliche Musik“ dann zum guten Schluss doch noch rechtfertigt.

Fazit: Kaufempfehlung

Mit „Vergiss mein nicht“ beweist Andreas Gabalier einmal mehr seine Vielseitigkeit. Wo andere weit mehr Titel auf ein Album nehmen, reicht bei ihm ein dutzend neuer Songs aus. Um die Titel seines sechsten Albums reifen zu lassen, hat sich Andreas für die neuen Songs Zeit gelassen. Überhaupt geht der Volks-Rock’n’Roller eigene Wege. Seine neuen Songs hat er (abgesehen vom Lummerlandlied) komplett alleine geschrieben, was der Qualität des Albums mitnichten geschadet hat – Motto: „Wer kann, der kann!“. Bei Florian Silbereisen bewies er mit einem bärenstarken Auftritt, dass man mit Live-Gesang ein Publikum ganz anders mitreißen kann als mit schnödem Vollplayback – die Fans werden es ihm danken. Mit anderen Worten: Für die CD gibt es eine uneingeschränkte Kaufempfehlung.