Roland Kaiser – Stromaufwärts

Roland Kaiser – Stromaufwärts

Es heißt, das Leben gelingt, wenn man sich seinem Fluss anvertraut. Man soll sich einfach treiben lassen, mit dem Fahrwasser ziehen. Roland Kaiser wird genau daran gedacht haben, als er für seinen Albumtitel nach dieser Metapher greift und sie bewusst ins Gegenteil verkehrt: Er ist keiner, der in seiner mehr als 40-jährigen Karriere je mit dem Strom geschwommen ist. Kaiser ist eigensinnig und selbstbestimmt. Kaiser treibt stromaufwärts.

Mit dem gleich lautenden Album „stromaufwärts“ legt Roland Kaiser eine CD vor, auf der er zwölf seiner größten Hits in neue Arrangements fasst, ausgesucht nach den erfolgreichsten Chartplatzierungen und nach der Substanz der Titel, diese Kompositionen in die Gegenwart zu holen. Nachdem er im Mai dieses Jahres mit der orchestralen Begleitung der Dresdner Philharmoniker drei Konzerte zur Eröffnung des Kulturpalastes der Stadt gab, folgt nun also der Versuch, seine Titel aus den 70-er und 80-er Jahren in die heutige Zeit zu übersetzen. Aus der Arbeit mit seinem musikalischen Leiter Alex Wende sind einige überraschende Neuinterpretationen entstanden, die Kaiser nicht nur, aber auch an seine jüngeren Fans adressiert, die teilweise noch gar nicht geboren waren, als die alten Titel veröffentlicht wurden.

Kaiser spielt mit Stilrichtungen, Rhythmen und Tempi. „Manchmal möchte ich schon mit dir“ erscheint im Bossa-Nova-Rhythmus, gemeinsam gesungen mit Götz Alsmann. Aus „Schach Matt“ wird eine gefühlvolle Ballade, „Santa Maria“ wurde mit Country-Klängen unterlegt, und „Dich zu lieben“, „Ich glaub es geht schon wieder los“ sowie „Warum hast du nicht nein gesagt“ sind moderne Danceversionen. „Wohin gehst du“ bekommt ebenfalls ein wunderbar tanzbares Motiv, während aus „Sag ihm, dass ich dich liebe“ das Tempo weitgehend herausgenommen worden ist.

Wer die ursprünglichen Versionen kennt, kommt nicht umhin, sie sofort mit den neuen Titeln zu vergleichen und merkt schnell: Sie alle scheitern an den Originalen, sie konkurrieren nicht einmal mit den Aufnahmen von einst. Die Qualität von damals zu durchbrechen, das gelingt nur mit „Schach Matt“. Kaisers gefühlvolle Stimme macht aus dem Text eine intime Erzählung, umrahmt von einer melancholischen Ballade, die so besonders klingt, dass sie einem das Herz aufweicht.

Die alten Titel gegen die neuen zu stellen, wird vermutlich gar nicht seine Intention gewesen sein. Kaiser will vielmehr ein Angebot machen. Das Album ist der Versuch, sich neu zu erfinden und aktuelle Entwicklungen selbst mitzugestalten. Denn Kaiser weiß genau: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Und doch bestätigt er etwas, das viel wertvoller ist als die Anpassung an den Zeitgeist: Er kann seine Hits verändern, aber niemals besser machen. Kaiser hat bereits damals unantastbare, zeitlose Klassiker geschaffen, die jeden Trend überdauern. In einer Zeit, in der das Gestern, das Heute und Morgen rasant ineinander verschwimmen, ist genau das die eigentliche Qualität von Roland Kaiser, die aus ihm den Ausnahmekünstler macht, der er ist.

Einer wie Kaiser wird nie unmodern, einer wie er fällt nie aus der Zeit. Das beweisen nicht zuletzt die beiden ganz neuen Titel, mit denen er die CD abschließt und die zugleich eine Vorausschau sind auf sein nächstes Album, das er für 2019 ankündigt. Der Titel „Entschuldigung für nichts“ ist eine Ermutigung zum Leben, auch dann, wenn man vor seinen Scherben steht. „Wir geh’n durch die Zeit“ erzählt die Liebesgeschichte einer langjährigen, unverbrüchlichen Partnerschaft. Die neuen Songs sind hervorragend getextete und komponierte Stücke, mit denen Kaiser einmal mehr beweist: Er war noch nie in seichten Gewässern unterwegs. Und wenn er nun stromaufwärts hin zu seinen Quellen treibt, dann sieht man: Sie sind wilde Wasser. Kraftvoll und klar.

Sina WormAutor: