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Udo Jürgens – Ich werde Bäume pflanzen, aber keine mehr ausreißen

Udo Jürgens – Ich werde Bäume pflanzen, aber keine mehr ausreißen © David Sonntag / Schlager.de

Am gestrigen Montag präsentierte Udo Jürgens in Berlin sein neues Album „Mitten im Leben“. Ein paar ausgewählte Journalisten kamen in das Vergnügen in das neue Album hineinzuhören und den Altmeister des deutschen Schlagers am Klavier singen zu hören. Schlager.de war live dabei!

Udo Jürgens wird in diesem Jahr 80 Jahre alt. Dennoch strotzt der Mann vor Energie und Tatendrang. Den Raum betritt ein junggebliebener und charismatischer Mann, dem man sein Alter bei weitem nicht ansieht. Wie immer ist er sehr elegant gekleidet und strahlt eine unheimliche Aura aus.

Zu Beginn der Präsentation zeigt er den Journalisten sein aktuelles Video zum Titel „Der Mann ist das Problem“. Zu sehen gibt es ein sehr gut gemachtes, animiertes Video, was an einen Comic erinnert und witzige Zeilen des Titels in Bildern widerspiegelt. Der Titel ist satirisch geschrieben und bringt viele aktuelle Themen auf den Plan. Überzeugt Euch selbst und hört hier in den Titel rein!

Im Anschluss spielt er weitere Songs seines Albums wie „Mein Ziel“, „Der gläserne Mensch“ und den Titelsong des Albums „Mitten im Leben“. Alle Songs sind gesellschaftskritisch geschrieben und musikalisch hervorragend interpretiert. Wie bei seinen bisherigen Alben wurde auch diesmal mit einem großen Orchester (insgesamt 80 Mann) gearbeitet und das hört man auch. Im Anschluss an seine musikalische Kostprobe gab es ein Interview, das von niemand geringerem als Hape Kerkeling geführt wurde. Beide Männer sind absolute Profis und spielten sich die Bälle gekonnt zu – Lacher gab es auf beiden Seiten.

Schlager.de im Interview mit Udo Jürgens

Schlager.de: In Ihrem Titel „Der Mann ist das Problem“ gibt es viele rockige Elemente. Rocken Männer im Jahr 2014 noch?

Udo Jürgens: Ich glaube: Ja! Ich glaube, die Entwicklung der gesamten Kunst zu einer Art Rock´n´Roll-Kunst, ist eine Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts. Und das ist dadurch zu Stande gekommen, dass die geistige Entwicklung der Zeit, angefangen bei den Beatles, plötzlich eine ganz andere Dimension erhalten hat. Die Beatles und die anderen Gruppen, Musiker und Denker, die in diesem Fahrwasser Bücher geschrieben, Kunst betrieben, provoziert und Graffitis an die Wände gesprüht haben, haben die Jugend der Welt erweckt. Das ist alles eine Geistesrichtung, welche die Welt verändert hat. Zum Teil zum hässlichen, aber zum Teil auch zum viel freieren. Dass natürlich die Männer, die immer voranstürmen, wenn es darum geht neue Ufer zu erobern auf der Welt, bei diesem Voranstürmen unendlich viele Fehler machten ist klar. Aber sie haben auch vieles richtig gemacht. Das ist eben so. Wer nach vorne stürmt, der stolpert leicht und stößt auch andere Sachen um – macht vieles kaputt. Aber die Welt bleibt stehen, wenn sie nicht nach vorne stürmt. Und das ist eben das, was typisch männlich ist. Das ist auch das, was wir an Männern schätzen. Trotzdem sollten wir nicht blind sein und sollten mit einem zwinkernden Auge schon erkennen, was wir in diesem männlichen, Rock´n´Roll-mäßigen nach vorne stürmen ständig falsch machen. So machen, dass es eben auch zum Desaster führt. Atomenergie und Erfindungen, die nicht nur am Rande der Gefährlichkeit sind, sondern die uns eines Tages möglicherweise umbringen werden. Der Mensch hat inzwischen Erfindungen gemacht, mit denen man innerhalb einer halben Stunde den ganzen Erdball auslöschen kann. Die Menschheit war bisher noch nie dazu in der Lage, so etwas Abscheuliches zu tun. Heute müssen wir mit der Angst leben, dass das möglich geworden ist und Wahnsinnige, diesen Knopf eines Tages in der Hand halten werden. Da muss die Menschheit auch eine große Besonnenheit haben. Niemand musste sich vor hundert Jahren darüber Gedanken machen, dass es irgendwann mal Menschen auf der Welt geben wird, die die Macht haben, den Erdball zu zerstören. Wir müssen alle Kraft daran setzten, diese Dinge zu kontrollieren. Wenn die Welt demokratisch wird müsste uns das Gelingen, weil dann das Volk letztlich dasjenige ist, welches die Mächtigen an die Macht bringt.

Gibt es da Parallelen zu Ihnen? Ist Udo Jürgens als Mann manchmal das Problem?

Für mich auf jeden Fall! Ich bin mir sicherlich einige Male ein großes Problem in meinem Leben gewesen. Die Art wie ich mir eingebildet habe, mein Leben leben zu müssen, war sicherlich zeitweise richtig, zeitweise auch falsch. Unterm Strich bin ich sehr glücklich, wie ich gelebt habe. Ich konnte immer wieder, alles was aus dem Ruder zu laufen drohte, zurück in normale Bahnen bringen. Natürlich hat man als jüngerer alle möglichen Verrücktheiten durchlebt. Sei es mit dem Alkohol oder den Drogen, denen ich Gott sei Dank nie verfallen bin. Aber ich war umgeben von Drogen. Damit kann man ich weiß nicht wie viel Unheil anrichten. In den Garderoben, in denen ich während meinen Tourneen auf der ganzen Welt gesessen bin, haben sich neben mir Leute die Spritzen gegeben, die sie nicht überlebt haben. Das konnte ich beinahe mit ansehen oder habe das zumindest gewusst. Das war einfach gang und gäbe. Selbst diesen Weg nicht einzuschlagen, war schon eine Leistung. Auch wenn man vielleicht eine Zeit lang ein Alkoholproblem hatte. Aber es war eine wilde Ära, die 50er-, 60er- und 70er-Jahre. In den 80ern hat sich das dann beruhigt. Aber das waren schon einige Jahrzehnte, in der die Welt und die Jugend drohte wirklich aus den Schienen zu laufen, indem sie sich selbst, wie man so schön sagt, die Kante zu sehr gegeben hat. Jetzt sind wir glaube ich auf einem Wege, wo das vielleicht doch vernünftiger gesehen wird und die Menschen sich selbst besser erkennen. Wer all diese Sachen erlebt hat und es trotzdem als gesunder Mensch und ohne Alkoholiker geworden zu sein ins Alter hinein kommt, kann sich selbst schon irgendwie gratulieren und sagen: „Okay, bisher hab ich es geschafft, da werde ich den Rest jetzt auch noch bewältigen“. Aber das ist alles unerhört spannend und aufregend.

In dem Lied „Mein Ziel“ singen Sie davon, dass Sie keine Bäume mehr ausreißen werden, dafür aber welche pflanzen. Wie mein Sie das?

Ich werde Bäume pflanzen, aber keine mehr ausreißen. Das ist die Botschaft und das ist die Idee, die dahinter steht. Für mich ist das ein Lied, das unglaublich viel mit meinen eigenen Zielen zu tun hat. Letztlich ist es nicht das Ziel, reich und beliebt zu werden und permanent eine große Karriere zu machen. Das große Ziel kann, wie es ja am Schluss heißt „nur Freiheit und Liebe sein“. Mit Freiheit meine ich nicht nur die körperliche Freiheit, sondern die geistige Freiheit, die ich erleben kann mit einem anderen Menschen zusammen. Das sind große Begriffe. Freiheit ist das große Thema unseres deutschen Bundespräsidenten, das er immer wieder anspricht in seinen Reden. Und es ist ein großes Thema der Menschheit, aber es wird natürlich immer im politischen Sinne angewendet – dass man sich Freiheit für ein Volk wünscht. Das ist erst der Beginn der Freiheit. Die wahre große Freiheit ist die Freiheit des Geistes. Und die wird nach wie vor ständig unterdrückt. Es geht mir sehr stark um die geistige Freiheit. Das versuche ich auch in diesem Lied „Mein Ziel“ auszudrücken.

Ein besonders ergreifender Moment in Ihren Konzerten ist das Abschiedslied. Flacht das nicht zur Gewohnheit ab?

Nein, man gewöhnt sich nie daran. Und das ist auch vollkommen richtig. Man gewöhnt sich nicht daran, aber man möchte das auch nicht missen. Das ist diese berühmte Gegensätzlichkeit, die in meinem Beruf natürlich ständig stattfindet. Man sehnt sich nach etwas und wehe es tritt ein. Dann kommt diese Ruhe. Die würde einen wahrscheinlich leer und einsam machen. Das ist letztlich nicht das, was man erleben möchte. Ich habe meine schönsten Abschiedslieder alle geschrieben, als ich noch jung war. Wenn ich auf der Bühne ein Abschiedslied, zum Beispiel „Wenn der jetzt Vorhang fällt“, gesungen habe, war es nicht leicht sich das vorzustellen. Später kehrte es ins Gegenteil. Mir wurde klar, wenn du das mit über 50 oder gar mit 60 singst, sagt jeder „Das war sein Abschied, jetzt hört er auf, das ist sein Ende. Damit kündigt er sein eigenes Ende oder ganz philosophisches gesagt vielleicht sogar seinen eigenen Tod an.“ Dann habe ich aufgehört diese Art Lieder zu schreiben und habe das Thema Abschied wenn überhaupt, nur noch sehr umschrieben. Im neuen „Zehn Minuten nach elf“ schildere ich sehr klar eine Situation nach Ende des Konzertes. Dass man mit den Musikern noch irgendwo sitzt, irgendwo ein paar Fans zuwinkt. Man überlegt, ob man noch in ein Lokal gehen oder mit ein paar Freunden noch um die Häuser ziehen soll, um der Einsamkeit zu entfliehen. Dann kommt ein Anruf von jemandem, der einem nahe steht, den man gerne bei sich hätte, mit dem man über das Erlebte sprechen kann. Diese Gedanken wollte ich in einem Lied drin haben. Es ist ein unerhörtes Lied geworden, das ich wahrscheinlich bei der nächsten Tournee am Schluss des Konzertes singen werde. Das lässt sich gar nicht mehr verhindern. Schon bevor das Album überhaupt auf dem Markt war, ist es das Lieblingslied vieler meiner Freunde geworden.

Können Sie sich ein bodenständigeres Leben ohne Konzertauftritte vorstellen?

Wahrscheinlich nicht, aber in meinem Alter sieht alles anders aus. An diesem Punkt muss ich wirklich wieder mein Alter anführen. Natürlich sollte sich jetzt langsam der Moment einstellen, an dem ich erkenne, dass ich besser nicht mehr auf eine Bühne gehen sollte. Dass ich mich mehr um die Menschen kümmere, die mir anvertraut sind. Meine Enkel öfter sehe, die ich unendlich liebe und die mich, so glaube ich, auch sehr lieben. Also diese Dinge sollte ich vielleicht bewusster machen in meinem Leben und nicht mehr so sehr die Karriere sehen. Jetzt geht’s bei mir nicht mehr um die Karriere. Die ist gemacht. Worum es jetzt geht ist das, was ich jetzt noch mache oder noch machen darf. Das muss einfach sehr gut sein, sonst hat es für mich überhaupt keinen Sinn mehr. Eine Platte, die ich heute herausbringe, muss besser sein, als vor 20 Jahren. Die muss mehr Aussagekraft, mehr Inhalt haben. Sie muss mehr Wärme verbreiten. Dann hat das Sinn, was ich tue. Diesen Anspruch stelle ich an mich und deswegen horche ich sehr in mich hinein. Aber ich weiß die Antwort nicht. Ich kann Leute nicht fassen, die beschlossen haben: „Mit 60 höre ich auf, dann gehe ich in Rente, dann werde ich nichts mehr singen.“ Okay, jeder kann aufhören, wann er will. Ich horche in mich hinein und kann diese Antwort nicht geben. Das Schicksal wird mir sagen: „Mach das jetzt nicht mehr. Du hast es lange genug getan. Du hast länger auf der Bühne gestanden, als alle anderen in deinem Beruf. Es gibt niemanden auf der Welt, der so alt ist wie du, der in einer Halle mit 10.000 Menschen singt, die ihn noch hören wollen.“ Ich habe etwa erreicht, was jetzt schon irgendwie einzigartig ist und ich erlebe es immer noch. Und natürlich erlebe ich es mit großer Dankbarkeit. Das muss man mir schon zugestehen, und dass ich das auch genieße. Ich kann das Bittere des Alters dadurch nicht nur leichter ertragen, sondern beinahe hinweg spülen, indem ich den Jubel von tausenden Menschen erleben darf, die mit Tränen in den Augen an der Bühne stehen und fragen: „Wann kommst du wieder? Wann können wir das nächste Konzert von dir erleben?“ Das ist mir bis zu meinem letzten Auftritt so ergangen und ich hoffe, es wird mir auch bei meinen nächsten Auftritten wieder so gehen. Ich habe vor zwanzig Jahren schon gesagt: „Jedes Konzert kann das letzte sein. Ich weiß nicht, wann das ist.“ Es kann während einer Tournee passieren, dass ich spüre, dass die Kraft nicht mehr da ist, ich kann nicht weitermachen, ich höre auf. Das wäre mir sehr unangenehm, weil sich die Leute auf etwas freuen, das ich ihnen nicht geben kann. Dann würde ich mich beinahe ein bisschen als Versager fühlen. Also das wird nicht passieren, oder ich hoffe zumindest nicht, dass es passieren wird. Aber das ist eben das Schicksal. Solange ich die Kraft habe und solange ich weiß, da draußen sind die Menschen, die mich hören wollen, von denen ich den Auftrag erhalte, ihnen das zu geben, solange will ich darum kämpfen, dass ich das auch geben kann.

Sie werden bald unglaubliche 80 Jahre alt. Wie verbringen Sie Ihren Geburtstag?

Ich habe keine genauen Pläne. Die Fernsehsendung, die mit diesem Tag einher geht, wird natürlich aufgezeichnet. Und ich hoffe und versuche, dass diese Sendung frei von Peinlichkeiten sein wird. Ich empfinde solche Sendungen oft als peinlich, wenn sich da Leute feiern lassen. Alle kommen und gratulieren. Und Lobhudeleien werden da abgelassen. Mir ist das immer sehr unangenehm. Aber ich musste solche Sendungen schon einige Male machen und ich habe bisher das Glück gehabt, immer sehr stark mitreden zu können und die Sendungen eigentlich immer so zu gestalten, dass sie gut waren. So werde ich es auch diesmal probieren. Den Abend selbst will ich im Kreise meiner Kinder und Enkel verbringen. Das ist nicht immer ganz einfach, weil sie natürlich alle ein eigenes Leben in anderen Städten und weit auseinander gerissen führen. Aber ich hoffe, dass es uns vielleicht mal gelingt, dass wir alle zusammen meinen Geburtstag feiern können. Das wäre schon wunderbar.

Haben Sie Geburtstagswünsche?

Dass ich gesund bleibe. Das ist mein einziger Wunsch, den ich habe. Unberufen toi, toi, toi. Die Zeichen stehen auf tadellos. Ich werfe da immer ein sorgfältiges Auge drauf und wenn das so bleibt, warte ich nicht darauf, dass der Glücksvogel sich auf meine Schulter setzt. Der hat sich schon so oft auf meine Schulter gesetzt, das wäre unbescheiden, wenn ich den noch weiter strapaziere. Ich glaube auch, dass man für das Glück viel tun kann. Wenn ich mit dem, was ich kann, Musik mache und das sorgfältig und mit Liebe tue, wird sie dort ankommen, wo sie gewünscht wird. Dann ist das eigentlich eine wunderbare Adresse. Dann verstehen wir uns ja bereits und es wird meine eigene Arbeit auch mir Glück bringen. Ein Glück, das mich wirklich zufrieden macht. Ich möchte nichts geschenkt bekommen. Ich will geben mit dem, was ich habe. Und wenn ich dann sehe, dass ich damit Menschen glücklich machen kann, ist das für mich das größte Geschenk.

Herr Jürgens, vielen Dank für das angenehme Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute und natürlich viel Erfolg für das neue Album!

Laura Müller

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