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Howard Carpendale: “Ich war eine Enttäuschung für meinen Vater”

Howard Carpendale: “Ich war eine Enttäuschung für meinen Vater” © Electrola

Ein Gespräch mit Howard Carpendale ist mehr als die übliche Interview-Routine. Der Mann aus Südafrika ist nicht nur seit über 50 Jahren eine Konstante im deutschen Musikgeschäft, sondern auch ein Gesprächspartner mit Charme und Tiefe. Wir trafen ihn anlässlich seiner Albumveröffentlichung „Symphonie meines Lebens“ zum exklusiven Interview in Hamburg. Carpendale zeigt sich nahbar wie nie, als er über das Album spricht, das er seinen beiden Söhnen widmet. Für einen seltenen Moment ist der Termin kein getaktetes Interview mehr, sondern wahrhaftig und voller Emotion. Und er redet auch über die persönliche Dramatik in seinem Leben: über die Alkoholerkrankung seiner Frau Donnice, seine Depressionen, das Ringen um Leben und Tod – und wie 15 junge Musiker ihn zurück ins Leben holten.

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Schlager.de: Die Presse feiert Ihr Album als Krönung Ihrer Karriere. Was feiern Sie an dem Album: Ist es Selbstbestätigung, ziehen Sie Bilanz, sind es Pathos und Lebenswerk?

Alles. Es ist ein perfektes Album. Aber nicht um der Perfektion willen, sondern wegen der Arrangements, der Emotion. Besser habe ich noch nie gesungen. Und es ist ein Erbe an meine beiden Söhne. Das Album werde ich ihnen geben und sagen: „Wenn ihr später an mich denkt: Diese Platte ist euer Vater.“ Es ist so schwer zu erklären, was ich bei diesem Album empfunden habe und wie viele neue Dinge ich entdecke. Und ich denke: Diese wunderschönen Texte hast du Jahre lang gesungen und nie so gesehen, wie ich sie heute sehe. Ich glaube, es wird dem Publikum genau so gehen.”

Schlager.de: Das Album berührt Sie sehr.

“Das Album ist nicht gemacht mit dem Druck: Wir brauchen einen Hit. Es ist gemacht mit dem Anspruch, dass es gut werden soll. Und das ist es für mich.”

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Howard Carpendale - Hello Again (mit dem Royal Philharmonic Orchestra) (Offizielles Musikvideo)

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Schlager.de: Die Abbey Road Studios in London, in denen Sie aufgenommen haben, sind mit den Beatles, den Bee Gees oder auch Pink Floyd verbunden. Was war das für ein Lebensgefühl, als Sie 1964 in die Stadt kamen und Ihre Karriere begannen?

“Für einen Südafrikaner, für den Sonnenschein und Sport die Hauptdinge in seinem Leben waren, war es überwältigend. Es war, als würde man von einem Stück Feld in ein Blumenbeet laufen. Diese tausend verschiedenen Charaktere, die Freiheiten, das erste Mal Fernsehen in meinem Leben. Ich kam in eine ganz andere Kultur.”

Schlager.de: Kamen Sie als Realist oder Träumer?

“Ich bin als Träumer gekommen, wurde aber ganz schnell Realist (lacht).”

Schlager.de: Kamen Sie mit Ehrgeiz oder hofften Sie einfach auf Glück?

“Ich kam mit Ehrgeiz. Den habe ich bis heute.”

Schlager.de: Wenn Sie auf das Album schauen: Wann, bei welchem Titel, an welcher Station Ihrer Karriere, haben Sie aufgehört, die Erwartungen anderer zu erfüllen und angefangen, sich auf sich selbst zu verlassen? Oder anders gefragt: Wann waren Sie der Künstler, der Sie sein wollten?

“Das war ein Prozess in mehreren Stufen. Ich habe sieben Jahre lang gesungen, was man mir vorgelegt hat. Das war zwar ganz erfolgreich, aber das waren keine Titel, bei denen ich das Gefühl hatte, dass ich das bin. Dann kam eine Zeit, in der der Erfolg ausblieb. Ich habe dann meiner Plattenfirma eine sehr riskante Wette angeboten und gesagt: „Ihr könnt meinen Vertrag zerreißen, aber bevor ihr das tut, gebt mir bitte die Chance, zwei Platten selbst zu machen.“ Dann hatte ich Glück, denn die erste Platte war ein Erfolg und die zweite ein noch größerer. Die dritte war „Spuren im Sand“. An diesem Punkt habe ich gemerkt, dass ich ein Typ bin, der die Zügel selbst in der Hand haben will. Ich habe 35 Jahre mit meinen Manager Dieter Weidenfeld gearbeitet. Der hat die Branche verstanden wie kein anderer. Er hat mir beigebracht, wie man vom Hit-Sänger zum Entertainer wird. Es war ein Reifeprozess, ein langer Weg. Ich bin heute an einem Punkt, wo ich das Gefühl habe, dass ich alles verstehe und mir nicht vorstellen kann, noch allzu große Fehler zu machen. Vor allem in den letzten zehn Jahren habe ich dieses Gefühl mit meinem neuen Team immer weiter verstärkt. Ich war in meiner ganzen Karriere derjenige, der das letzte Wort hatte. Gott sei Dank habe ich immer auf mein sehr gutes Bauchgefühl gehört anstatt auf meinen Kopf.”

Schlager.de: Was hat Ihnen die Sicherheit oder das Selbstvertrauen gegeben für diese Entscheidungen, mit denen Sie durchaus ja auch gegen den Strom geschwommen sind?

“Ich war bis zu meinem zehnten Lebensjahr eine Enttäuschung für meinen Vater. Mein Vater wollte einen erfolgreichen Sportler haben, und ich konnte gar nichts. Ich bin dann zwischen meinem zehnten und zwölften Lebensjahr sehr groß gewachsen. Ich war mit zwölf schon so groß wie heute, nur nicht so breit (lacht). Das war der Zeitpunkt, wo ich in der Schule zu einer führenden Figur geworden bin. Ich war Kapitän im Sport, ich war derjenige, zu dem Jüngere kamen, wenn sie gemobbt wurden. Ich führe Menschen ganz gern, nicht in allem, aber doch schon in moralischer Hinsicht und in der Musik sowieso.”

Schlager.de: Im Rückblick: Womit oder wodurch hinterlässt man mehr als nur Spuren im Sand?

“Viele Ihrer Pressekollegen sagen, ich bin eine lebende Legende. Ich sage immer, dass das Quatsch ist. Weil man Musik macht, ist man keine Legende. Vielleicht sind das Elvis oder Michael Jackson. Dieser Realismus mir selbst gegenüber hat mir immer sehr geholfen. Ich kenne die Spuren, die ich hinterlasse. Die Spuren, die ich am liebsten hinterlasse, sind Menschen in einem Saal, die für zweieinhalb Stunden mit mir auf eine Reise gehen. Die Menschen sind, und das ist mir wichtig, so mit mir verbunden, dass ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht wie nur bei wenigen anderen Shows. Ich hinterlasse gern Menschen, die sagen: „Ich habe schöne Stunden mit ihm erlebt.“ Viel mehr kann ich nicht.”

Schlager.de: Sie haben Udo Jürgens zitiert, der gesagt hat, er mache Unterhaltung mit Haltung. Wie gelingt Ihnen das?

“Indem man ehrlich ist. Nur so gelingt es. Aber das ist ein Spagat, gerade in Zeiten von political correctness.”

Schlager.de: Was treibt Sie um, wenn Sie auf die Gemütslagen in Deutschland schauen?

“Die Gemütslage in Deutschland ist der Stillstand. Deutschland hat im Moment ganz wenig mit dem Rest der Welt zu tun. Während wir hier sitzen, passieren überall die grausamsten Dinge. Die Menschen sind in den letzten 20 Jahren nicht noch kriegerischer, aber sie sind brutaler geworden. Ich habe gestern einen Artikel über Haiti gelesen. Da leben Menschen, die sagen, wir leben nur noch für den nächsten Happen zu essen. Und das gibt es überall auf der Welt.”

Schlager.de: Es gibt ein Interview von Ihnen, in dem Sie die Gleichgültigkeit der Menschen kritisieren. Warum ist das so?

“Weil es uns so gut geht. Ich habe gestern ein Interview mit Angela Merkel gesehen. Die spürt nicht mehr, was los ist in dieser Welt. Wir brauchen jetzt Dynamik.”

Schlager.de: Von wem erhoffen Sie sich diese Dynamik?

“Ich sehe im Moment keinen.”

Schlager.de: Auf Ihrem Album „Ganz nah“, das Sie 1991 veröffentlicht haben, gibt es einen Titel, der heißt „Ein paar sind immer über den Wolken“, in dem Sie Mutter Teresa, Nelson Mandela oder auch Michail Gorbatschow als Hoffnungsträger und Visionäre nennen. Wer sind heute Ihre Hoffnungsträger?

Sina Worm

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