Im InterviewHoward Carpendale: „Verkaufszahlen sind nicht mehr das Wichtigste“

Exklusiv
Howard Carpendale: „Verkaufszahlen sind nicht mehr das Wichtigste“ © Electrola
Sina Worm

Howard Carpendale gelingt nach über 50 Jahren Bühnenkarriere im vergangenen Jahr ein großartiger Coup. Die Produktion „Symphonie meines Lebens“ wird ein grandioser Erfolg und ist sein Album, das sich am längsten in den deutschen Albumcharts halten kann. Da ist es nur folgerichtig, noch einmal nachzulegen. Erneut spielt das Royal Philharmonic Orchestra in den Londoner Abbey Road Studios zwölf seiner Titel ein. Erneut entsteht die „Symphonie meines Lebens“. Es gibt nicht wenige, die sagen: Dieses zweite Album ist noch besser als das erste. Wir sprachen mit Howard Carpendale exklusiv über die Produktion unter Corona-Bedingungen, über Gefühle von Nostalgie und warum trotz des Erfolgs Verkaufszahlen nicht mehr das Wichtigste für ihn sind.

Herr Carpendale, Sie haben die erste Ausgabe Ihres Albums „Symphonie meines Lebens“ mit folgendem Zitat angekündigt: „Fühlt sich eine erste Idee fast zu groß an, dann ist sie meistens genau richtig.“ Sie gehen jetzt mit Album Nummer 2 an den Start. Groß zu denken hat sich offenbar für Sie gelohnt.

Ich möchte jetzt keine Antwort geben, die unecht klingt, aber es ist eine Tatsache, dass das erste Album sehr erfolgreich war. Ich bin aber schon lange kein Mensch mehr, für den Verkaufszahlen das Allerwichtigste sind. Wir konnten viele Menschen erreichen, die mit Howard Carpendale nichts zu tun haben, aber das Album sehr mochten. Die Menschen haben, nicht zuletzt auch durch die Corona-Zeit, ein Bedürfnis nach Nostalgie. Das haben wir aufgegriffen. Ich glaube, das zweite Album tut das noch mehr. Wir gehen zurück zu ein paar Titeln, die man vielleicht längst vergessen hat, die aber große Erfolge waren.

Mit welchem Grundgefühl haben Sie die Produktion begleitet?

Es war alles ein bisschen anders als sonst. Ich durfte zu den Aufnahmen nicht nach London reisen, das Orchester durfte nicht zusammen spielen. Die orchestrale Begleitung wurde in zwei Schichten gefahren und dann zu mir nach Deutschland geschickt. Ich habe sehr oft mit den englischen Arrangeuren telefoniert. Sie hatten viel mehr Zeit und natürlich auch weniger Arbeit als sonst und haben sich gefreut, ein solches Album produzieren zu können. Ich kann allen nur ein Kompliment machen: Die Arrangements sind hervorragend! Ich bin mit Version 2 sehr zufrieden.

Sie sagen, dass beide Alben Ihre Karriere gut zusammenfassen. Haben Sie das Gefühl, damit einen Punkt zu erreichen, an dem Presse bzw. Kritiker endlich begreifen: Sie sind eben nicht der softe Schmuse-Howie, sondern Howard Carpendale?

Ja, das ist tatsächlich etwas, was mich schon über meine ganze Karriere hinweg begleitet. Ich wusste immer, was ich mache. Viele Künstler bleiben einem Image treu, aber wenn man authentisch sein möchte, dann ist es wichtig, dass man sich weiter entwickelt. Wenn man älter wird, ändern sich Lebenseinstellungen und Ansichten. Das soll sich in der Musik widerspiegeln. Ich glaube schon, dass die beiden Alben dazu beitragen.

Es gibt ein Zitat von Roland Kaiser, der sinngemäß gesagt hat, dass er seinen übertriebenen Ehrgeiz zurückgestellt und aufgehört hat, verbissen dem Erfolg hinterherzujagen. Sind Sie mittlerweile auch an diesem Punkt angekommen?

Verbissen um den Erfolg zu kämpfen – das klingt so negativ. Wenn man als junger Mann eine Karriere anfängt, dann geht es darum, sein Leben zu gestalten. Kommerzielle Ziele sind da schon sehr sehr wichtig. Doch es passiert über die Jahre fast allen Künstlern, dass sie mehr ihre Karriere als Persönlichkeit im Blick haben. Bei mir war das auch so. Sehr sogar. Wir leben im Moment in einer Zeit, wo Persönlichkeiten offensichtlich nicht mehr so gefragt sind. Nicht in der Musikbranche und nicht in der Politik. Ich finde das sehr schade, denn das Publikum möchte schon auch gern die Person durch die Musik kennenlernen.

Sie haben zwei Duette mit jüngeren Künstlern auf dem Album. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Giovanni Zarrella und Kerstin Ott?

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Giovanni und Kerstin, das sind zwei Kollegen, die ich einfach sehr mag. Wir haben uns hinter der Bühne getroffen und daraus sind über die Zeit Freundschaften entstanden.

Wie schauen Sie auf den jungen, deutschen Schlager?

Ich schaue nicht auf den Schlager, sondern ich schaue auf gute Musik. Ein Titel wie ‚Ein Stern‘ ist für mich einfach ein genialer Song. Text und Musik passen genau zusammen. Die Schlagerszene erlebt im Moment ein Revival mit dem Party-Schlager, auch in den Live-Shows. Da klingt vieles schon sehr austauschbar. Das schreiben die Fans ja auch. Als wir die ZDF-Hitparade gemacht haben, gab es viele verschiedene Farben in der Branche. Das ist nicht mehr so.

Woran liegt das?

In den vergangenen Jahren hat man sich auf eine einheitliche Art von Arrangements festgelegt. Eine durchgehende Bassdrum hat bei den meisten Titeln die Hauptrolle gespielt, finde ich. Man muss es als Künstler aber auch mit Balladen versuchen und mit richtigen Melodien und vor allem viel Wert auf die Texte legen. Ich kann leider keine Texte schreiben, aber ich habe viel Glück gehabt mit Fred Jay und Joachim Horn-Bernges. Wenn ich Titel höre wie ‚Geh doch‘ oder ‚Du fängst den Wind niemals ein‘, dann sind das auch heute noch sehr erwachsene, gute Texte. Ich glaube, manchmal ist der Text für einige Künstler nur ein Beiwerk, das einfach sein muss. In der deutschen Sprache sollte man jedoch schon Wert darauf legen, dass Texte einen Sinn haben und nicht der Versuch sind, dem Publikum mit ganz leichter Kost zu gefallen.

Herr Carpendale, es ist schwierig im Moment, nicht über Corona zu reden. Sind Sie bisher einverstanden mit dem Krisenmanagement der Regierung?

Nicht zu 100 Prozent, aber verglichen mit anderen Regierungen geht es uns hier ganz gut.

Was stört Sie?

Was mich stört, ist die Tatsache, dass es immer noch viel zu viele Menschen gibt, die nicht bereit sind, die Hygieneregeln zu befolgen. Es ist ein mehrschneidiges Schwert, denn die Wirtschaft spielt natürlich eine wichtige Rolle. Und doch wären einheitliche Regeln in Deutschland besser, als dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Das ist schon sehr verwirrend. Ich glaube, wir sollten froh sein, dass wir in diesen Zeiten in Deutschland leben. Ich verstehe auch die Müdigkeit und Trägheit der Menschen, wenn es um das Maskentragen geht, aber die Engländer und die Amerikaner beispielsweise sind in einer viel katastrophaleren Situation, weil sich viele eben nicht an die Regeln halten.

Glauben Sie, wir haben verstanden, was Corona uns lehrt?

Nein. Wir haben auch nicht verstanden, was der Klimawandel für uns bedeutet. Wir ignorieren das, weil wir sagen, dass das im Moment nichts mit uns zu tun hat. Doch es hat jeden Tag mit uns zu tun. Ich schließe mich da auch nicht aus. Wir machen alle große Fehler. Corona trägt dazu bei, dass Länder sich immer weiter separieren. Ich glaube, die Menschheit muss begreifen: So allmächtig sind wir nicht. Die Natur und die Erde sind viel mächtiger. Wir müssen daraus lernen, denn Corona ist immer noch ein ziemlich mildes Virus im Vergleich zu dem, was noch auf uns zukommt, wenn wir nicht aufpassen.

Sie haben mal Gregor Gysi zitiert, der gesagt hat, Politiker tun gut daran, auf Künstler und Kreative zu hören. Was müssen Künstler – gerade jetzt – den Politikern sagen?

Wir haben an Vertrauen, Authentizität und Visionen verloren in der Politik. Künstler jedoch müssen sich mit Visionen beschäftigen, denn sie müssen für die Zukunft planen. Ich bin sehr dagegen, dass wir in aller Welt Politiker haben, die wie ich weit über 70 sind. Ein Mensch agiert anders, wenn Entscheidungen, die er trifft, mit seinem eigenen Leben zu tun haben. Es ist für mich kein Wunder, dass Politiker ab einem gewissen Alter nicht mehr an den Klimawandel denken, weil er sie nichts mehr angeht. Ich würde mich viel wohler fühlen, wenn unsere Politiker zwischen 45 und 55 Jahre alt sind.

Was bereitet Ihnen mehr Sorge: die steigenden Infektionszahlen oder die kruden Ansichten der Verschwörungstheoretiker?

Vor den steigenden Zahlen hat man uns gewarnt – und jetzt kommen sie auch. Was mir am meisten Angst macht, ist, dass kein Ende in Sicht ist. Wir haben überhaupt keine Ahnung, wie das ausgehen soll. Die einzige Hoffnung ist eine schnelle Impfung.

Sie sollen gesagt haben, Sie wollen keine neuen Alben mehr machen. Stimmt das?

Nein. Im Moment weiß ich nicht, ob ich jemals wieder auf einer Bühne stehen werde und denke auch nicht an ein neues Album. Aber wenn, dann glaube ich nicht, dass ich eines mit zwölf neuen Titeln machen werde.

Warum nicht?

Die ganz Branche hat sich durch das Streaming total verändert. Es ist im Moment wichtiger, eine oder zwei starke Nummern zu machen und die zu veröffentlichen für einen Kreis von Fans, die sich mit dir beschäftigen. Im Grunde hat jeder Künstler inzwischen seine eigene Gruppe und zielt nicht mehr auf die ganze Nation. Wir werden auch keine Hits mehr haben wie zum Beispiel ‚Atemlos‘. Das wird es in der Form nicht mehr geben. Die Leute wollen nicht unbedingt ein ganzes Album haben. Sie wollen lieber einen oder zwei Titel herauspicken und hören. Und genau das ändert alles. Es kann sein, dass ich in einem Jahr anders denke, aber im Moment sehe ich es so.

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