Michelle – Ihr gelungenes Album 2018 heißt „Tabu“

Michelle – Ihr gelungenes Album 2018 heißt „Tabu“

Mit ihrem letzten Top-6-Album, „Ich würd es wieder tun“, hat Michelle Maßstäbe gesetzt. Die CD hielt sich über viele Monate hinweg in den Charts und beinhaltete gleich mehrere Hits wie „Wir feiern das Leben“, „So schön ist die Zeit“ und „Träume haben Flügel“. Ihr neues Album beinhaltet in der Deluxe-Variante nicht weniger als 24 neue Songs, die sich voll auf dem hohen Niveau des Vorgängeralbums bewegen. Schon im Vorfeld hat das sehr erotische CD-Cover für Diskussionen gesorgt – das Motto „Sex sells“ dürfte sich einmal mehr bewahrheiten, und Michelle kann sich die freizügige Pose auch als Mitte-40-jährige definitiv leisten! Wobei nur wenige Menschen erkannt haben, dass es zwei Facetten Michelles zeigt: die angezogene geschminkte Seite und die recht ungeschminkte nackte Facette der Sängerin.

Titelsong passend zur neuen Beziehung?

Mit der Uptempo-Nummer „Tabu“ startet das gleichnamige Michelle-Album – „Die große Liebe ist für uns Tabu“ – so heißt es im Text, obwohl die Träume etwas anderes sagen. Wobei man ja immer noch auf ein nächstes Leben hoffen kann. Erneut bewies Stephanie Stumph, dass sie ein Talent für eingängige und hitverdächtige Songs hat. Dass das Thema vielleicht autobiografische Elemente hat, dafür spricht das Gerücht, dass Michelle mit ihrer Liaison mit dem deutlich jüngeren Feuerherz-Sänger Karsten Walter liiert sei.

Weiter geht es mit „meine Welt“ – ein insbesondere im Refrain schlageresker Song über den geliebten Menschen, der mit blumenreichen Worten beschrieben wird. Mit „Lieben lieben lieben“ öffnet sich Michelle in einer sehr schönen Ballade dem geliebten Menschen, der ihr alles bedeutet – und zwar „mit jedem Herzschlag und mit jedem Atemzug“. Vielleicht kein neues Schlagerthema – aber Michelle interpretiert das Liebeslied ohne die Gefahr des Fremdschämens.

Wenn ich was gelernt hab, dann immer wieder aufzustehen“ singt Michelle in einem autobiografisch anmutenden Song, der auch als ESC-Titel funktionieren würde mit seinem Pathos und traditionellen Arrangement. Michelle schaut in dem Song auf ihr Leben zurück – und steht offensichtlich heute mehr denn je zu dem, was sie getan hat – eine starke Frau!

Sensationelles Duett mit Matthias Reim

Du kannst mich mal – heute Nacht vielleicht noch mal…“ so klingt es in „Nicht verdient“, dem Duett mit Matthias Reim. Obwohl beide mit neuem Partner verbandelt sind, treffen sich die beiden laut Songaussage – und beide bemerken, dass da noch starke Gefühle vorhanden sind, wobei Michelle in Interviews Wert auf die Feststellung legt, dass es sich bei dem Titel um einen fiktiven Songinhalt handelt. Ein poppiger und moderner Schlager, der eben nur so klingt, als wäre ein Liebes-Comeback nicht auszuschließen – wobei das ja offensichtlich nicht der aktuelle Stand der Dinge ist. Das Reim-Duett hat auf dem Album eine exponierte Stellung und ist überaus hitverdächtig – ein toller Song, der sich auch in einer großen Samstagabend-Show sehr gut machen würde.

Mit „In 80 Küssen um die Welt“ widmet sich Michelle nach längerer Zeit mal wieder dem klassischen Retro-Schlager im allerbesten Sinne. Sie unternimmt eine Weltreise an alle Orte, in denen sie glücklich ist, ohne Heimweh zu verspüren. Eine absolut eingängige Melodie, ein großartiger Text – sicher einer der besten Schlager des Jahres.

Powersongs und etwas Kitsch

Das „Feuerwerk des Lebens“ zündet das Team, das u. a. mit „Gestört aber geil“ zuständig ist – das hört man, auch der lebensbejahende Song kann ohne Probleme in Großraumdiscotheken gespielt werden, weswegen vereinzelt orakelt wird, ob der Song ursprünglich für Helene Fischer geschrieben wurde. Zum „Runterkommen“ dient dann die von Elzbieta Steinmetz (Co-Autorin, Mitglied der ESC-Truppe „Elaiza“) geschriebene ein kleines bisschen kitschig wirkende Piano-Ballade „Die Liebe kommt niemals aus der Mode“.

Der Simon-Allert-Song „Ich tanz dich einfach weg“ ist wieder ein echter Discoknaller: „Große Mädchen weinen nicht, auch wenn der Richtige der Falsche ist“ – weil „der Teufel als Romeo getarnt“ war. Discotauglich ist auch der Brötzmann-Kracher „Ich glaub, Du spinnst“. Auch in diesem Song geht es um eine Beziehung, bei der ein Herr die Gunst der Dame zurückgewinnen möchte – diesmal ist Michelle allerdings hartherzig und diagnostiziert dem „Ex“, blind vor Liebe zu sein. Aber: Da auch Michelle sich wieder auf den Mann einlässt, konstatiert sie nach einer Modulation: „Ich glaub, ICH spinn“.

Gleich sechs Autoren, die teilweise aus der Deutschrap-Szene stammen, ersannen die gefühlvolle Ballade  „Dieses andere Gefühl“. Mit „Nicht umsonst geweint“ gibt es dann wieder einen typischen Brötzmann-Schlager auf die Ohren. Diesmal geht es darum, um eine Liebe zu kämpfen und nicht direkt aufzugeben. Die Tränen wurden offensichtlich nicht vergeblich vergossen…

O la la: Ein Titel heißt „Feuerherz“

Michelle postet bei Instagram  und Facebook gerne mal Fotos mit ihren befreundeten Kollegen von „Feuerherz“. Spätestens nach den Schlagzeilen mit ihrer vermeintlichen neuen Beziehung scheint es wohl eher Absicht und weniger Zufall zu sein, dass Michelle genau einen Song dieses Namens mit auf das Album genommen hat. Die Uptempo-Nummer eignet sich zum Abfeiern.

Rosenstolz-Power: Drei Songs von Peter Plate und Ulf Leo Sommer

„Lasse reden“ konstatierten schon die Ärzte. Das Topautoren-Duo Peter Plate und Ulf Leo Sommer hat sich ebenfalls des Themas angenommen – in „Lass sie doch reden“ schwingen autobiografische Töne mit. Michelle setzt sich dafür ein, das eigene Leben danach auszurichten, was einem selber gut tut. Und wenn das Gegenüber (O-Ton) „Michelle aushält“, dann wird im Text aus dem „ich“ bisweilen ein „wir“. Auch dieser Song würde zur neuen Beziehung Michelles passen: „Das ist mein Leben. Lass sie doch reden. Egal, was ich tu, sie reden sowieso.“ Der Titel ist übrigens KEIN Coversong des Rosenstolz-Klassikers „Lass sie reden“ – das Thema gefällt Peter Plate und Ulf Leo Sommer offensichtlich…

Es folgen zwei weitere Plate / Sommer-Songs: „Ich bin wie ein Straßenköter“, so lautet die Selbstdiagnose. Michelle ist nun mal „wild und frei“ – aber: sie ist auch eine „Löwenmutter“, die sich als „Stehauffrau“ „gegen den Rest der Welt“ durchgesetzt hat. In „Polaroid“ geht es darum, schöne Momente festzuhalten. Merke: „Wir sind ein Foto“ – frei nach dem KLUBBB3-Motto: „Selfie. Fertig. Los.“

Mit einer nachdenklichen Ballade schließt das aktuelle Michelle-Album – „Dafür lebe ich“. Eins steht fest – trotz Narben hat die Künstlerin das „wilde Leben nicht verlernt“ – eine schöne langsame Nummer, mit der Co-Autorin Stephanie Stumph zeigt, dass sie nicht nur Uptempo-Nummern schreiben kann.

Deluxe-Edition: Sieben zusätzliche Titel

In der Deluxe-Edition geht es dann noch mal orientalisch weiter: „Karma Konto“. Männer sollten sich bei Michelle vorsehen, nicht zu sehr den Bogen zu überspannen, weil Negativ-Aura das besagte „Karma Konto“ zu sehr belastet, das sich das Universum und auch Michelle meldet. Wer da „im Soll“ steht, hat keine Chance. Mit „Melodie“ hat das „80 Küsse um die Welt“-Team bewiesen, einen weiteren unbeschwerten Schlager schreiben zu können.

Diamant“ ist ein Song der Autorin, die schon „Horizont“ für Udo Lindenberg geschrieben hat. Beatrice Reszat nennt den Diamanten sinnbildlich für eine starke Persönlichkeit stehen, die durch Täler gehen und entsprechend verbrennen – doch aus Asche wird schnell ein Diamant – ein interessanter Aspekt dieser Ballade.

Fabian Römer ist eigentlich als Rapper unterwegs, ist aber auch für die Schlagerelite unterwegs. Für Helene Fischers letztes Album war er gleich an mehreren Songs beteiligt. Für Michelle schrieb er die Ballade „Für mich bist du die Welt“ – in Anlehnung an den Spruch „Für die Welt bist du irgendjemand, aber für mich bist du die Welt“. So gesehen knüpft der Song nahtlos an den „Irgendjemand“-Titel des vorherigen Albums an. – Der Song „Aus und vorbei“ ist eindeutig: Der „Zug ist abgefahren“ – in diesem Fall hat Michelles Herzbube keine Schnitte mehr bei ihr – auch wenn sie mit ihm schon eine „geile Zeit“ hatte.

Vom Song „Gegen der Rest der Welt“ wurde auch eine schöne Balladenversion erstellt, die die Deluxe-Version von Michelles Album bereichert. Mit „Es gibt dich“ schließt das vielseitige neue Album Michelles.

Fazit

Wer sich die ersten Aufnahmen Michelles von vor über 25 Jahren anhört, der stellt fest, welche großartige Wandlung sie als Sängerin genommen hat. Aus dem Teenie-Star wurde eine gestandene Sängerin, deren neues Album von der deutschen Schlagerelite geschrieben und produziert wurde – Schlager.de kann zu diesem Album nur gratulieren. Einziger Kritikpunkt ist vielleicht die mangelnde Themenvielfalt – es geht in allen Liedern um Liebe bzw. um Michelles Schicksal – Geschichten werden eigentlich nicht erzählt, und gezielter „Tabu“-Bruch ist auch nicht erkennbar, wobei das durchaus auch positiv zu sehen ist. Sehr opulent fällt auch das Booklet mit allen Texten und tollen Fotos aus. Eine Top-3-Platzierung in den Albumcharts sollte mit diesem tollen Album möglich sein.

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