KommentarBoris Becker: Die verkaufte Freiheit

Boris Becker: Die verkaufte Freiheit © BMC-Image/Dominik Beckmann
Jörg Schulz
Redakteur

Man sagt ja: Freiheit hat ihren Preis. Dieser Satz hat im eigentlichen Sinne so wenig mit Boris Becker zu tun, wie Becker mit Ehrlichkeit. Einsichtsfähigkeit. Reue. „Freiheit hat ihren Preis“ bedeutet, dass man für die Freiheit etwas leisten, sogar Opfer bringen muss. Wie die Ukrainer, die um ihr Recht auf Freiheit blutig kämpfen müssen. Und Boris Becker? Im April 2022 wurde die Tennis-Legende wegen Insolvenzbetrugs zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Im Londoner Huntercombe-Gefängnis sollte er eigentlich diese Strafe absitzen. Doch am gestrigen Donnerstag schoben ihn die Briten nach Deutschland ab, wie Schlager.de gestern berichtet hat. Sieben Monate statt zweieinhalb Jahre Knast-Bestrafung für das, was er verbrochen hat. Verdient hat sich Boris Becker das nicht: Er wurde nur vorzeitig entlassen, weil die britischen Gefängnisse überfüllt sind. Die Freiheit, die er sich also nicht selbst verdient hat, verkauft Boris Becker jetzt.

Was man seit heute weiß: Seine Freundin Lilian de Carvalho Monteiro soll laut „Bunte“ eine Firma gegründet haben: die BFB Enterprise – BFB steht für Boris Franz Becker. Warum? Es ist ein Schachzug, den man auch vom Pleite-Wendler kennt: Bist du pleite, sogar insolvent, verdiene Geld – aber nicht für deine eigene Tasche, sondern für die Firma eines dir vertrauten Menschen. Und über die erhältst du dann ein Gehalt in „Taschengeld“-Höhe – aber bitte nicht mehr als die pfändungsfreien 1178 Euro im Monat! Über die Firma kannst du Bentleys kaufen, die neue Rolex, Luxus-Anzüge, um die Welt reisen. So wird es auch Boris Becker in Zukunft an Luxus, den er so gewohnt ist, nicht fehlen. Die ersten „BFB“-Firmeneinnahmen stehen wohl schon fest: Becker wird dem Sender Sat.1 sein erstes Interview geben. Es ist ein Welt-exklusives Interview. Ausgestrahlt wird es am Dienstag, 20. Dezember, 20.15 Uhr. Und Boris, beziehungsweise „seine“ Firma BFB Enterprise, sackt dafür unglaubliche 515.000 Euro ein. So will es „BILD“ aus dem Becker-Umfeld erfahren haben. Ein Boris Becker-Buch soll ebenfalls geplant sein. Damit nicht genug: Über drei Jahre hatte sich Becker bis zum Tag seiner Verurteilung im April 2022 vom Streaming-Dienst Apple TV+ begleiten lassen. So ist eine zweiteilige Dokumentation entstanden. Der Ausstrahlungstermin steht noch nicht fest. In einem anlässlich der vorzeitigen Entlassung Beckers eiligst von Apple gestreuten Trailer sieht man den 55-Jährigen wenige Tage vor Verkündigung des Strafmaßes. Er sieht aus wie ein alter, zerzauster Greis, der hilflos mit den Armen fuchtelt. Seine Augen sind gerötet. Die Stimme gebrochen. „Ich habe meinen Tiefpunkt erreicht“, sagt er dort. „Ich weiß nicht, was ich damit anfange. Ich werde mich nicht verstecken oder weglaufen. Ich werde akzeptieren, wie auch immer das Urteil ist.“ Selbst in diesem Moment, in dem Reue, Demut zu erwarten wären, erhöht Becker sich selbst, stilisiert sich zu einem Mann, der zu seiner Verantwortung steht.

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Boris Becker leistete sich ein Luxusleben auf Pump

Boris Becker wurde von den Medien hochgejubelt zu „Unser Bobbele“, zum Tennis-Titanen, zum Helden, zur Legende. Das machte ihn selbstherrlich, selbstgerecht, selbstverliebt. Vier Kinder von drei Frauen. Eines davon, die uneheliche Tochter Anna Ermakova, zeugte er 1999 in einer Londoner Besenkammer. Und stritt erstmal alles ab: Es soll Samenraub gewesen sein! Irre. Wahnsinn … Mit dem Karriereende am 25. Juni 1999 geriet Becker in immer größere Geldsorgen, obwohl er nach eigenen Angaben im Laufe seiner Karriere etwa 46 Millionen Euro eingenommen haben soll. Der Grund: ein verschwenderischer Lebensstil, zahlreiche Fehlinvestitionen, jeweils in Millionenhöhe, teure Scheidungen. Am 13. Dezember 2001 erhielt er die erste Finanzspritze von seinem ehemaligen Freund Hans-Dieter Cleven: 2,5 Millionen D-Mark, als Darlehen. Nachdem Becker 2001 von seiner Ex-Frau Barbara geschieden wurde, bekam er weitere Kredite seines Freundes. Statt Rückzahlungen stiegen die Verbindlichkeiten immer weiter. Becker leistete sich lieber ein Luxusleben auf Pump. Bis zum 30. September 2013 wuchs der Kredit auf unglaubliche 36,13 Millionen Euro an. Bereits 2002 war Becker wegen Steuerhinterziehung vom Landgericht München zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Dazu kam eine Geldstrafe von 500.000 Euro. Außerdem musste er drei Millionen Euro Steuern nachzahlen, die er zwischen 1991 und 1995 hinterzogen hatte.

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2017 musste Becker wegen seiner Riesen-Verbindlichkeiten in Großbritannien Insolvenz anmelden. Doch er verschwieg Immobilien, Vermögenswerte. Das führte schließlich zu seiner Knast-Verurteilung vor sieben Monaten. Auffallend: Immer wieder betonte Becker in diesem Strafprozess, wie sehr er sich wegen der 2017 angemeldeten Privatinsolvenz geschämt habe. „Peinlich“ sei es gewesen, dass sein Fall weltweit in den Nachrichten kam. Die „Marke Becker“ sei beschädigt. Was für ein Widerspruch: Trotz dieser Peinlich-Erfahrung hat Becker weiter dafür gesorgt, dass er sein Leben auch weiterhin nicht auf die Grundfeste Ehrlichkeit und Verantwortung stellte. Stattdessen leistete Becker sich ein Luxusanwesen in Wimbledon und einen entsprechenden Lebensstil, wie während des Gerichtsverfahrens herauskam.

Vielleicht sollte man ja Boris Becker einen Blanko-Schein ausstellen: mildernde Umstände für alles und immer. Schließlich hat Boris Becker nichts anderes gelernt als auf kleine, gelbe Filzbälle einzudreschen. Und wurde dafür noch umjubelt. Das kann Spuren hinterlassen, die einen Menschen nicht gerade geschäftsfähiger machen. Boris Becker aber weiterhin als Helden zu bezeichnen, ist falsch. Helden sind Vorbilder. Becker taugt nicht dazu.

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